„Niemand kann es so wie ich lesen." Diesen Satz hat mir eine Mutter in der Beratung gesagt. Sie hatte Angst, dass ihr etwas passiert, denn dann wüsste niemand, was ihr Kind braucht.
Die Sorge ist berechtigt. Meistens kennen Eltern ihr Kind am besten und verstehen es auch am besten. Mit zunehmendem Alter braucht Dein Kind aber auch andere Menschen, die es verstehen und auffangen können. In diesem Artikel zeige ich Dir, wie Du neue Bezugspersonen für dein autistisches Kind in kleinen, vorhersehbaren Schritten einführst.
Warum braucht Dein Kind mehr als eine Bezugsperson?
Ich rate Eltern grundsätzlich, ihrem Kind mehr als eine Bezugsperson zu ermöglichen. Das gilt, egal ob ein Kind neurodivergent ist oder nicht. Weitere Bezugspersonen fangen auf, wenn jemand ausfällt, und sie sind Ansprechpartner, wenn Dein Kind jemanden braucht. Außerdem bringen sie eine andere Perspektive in die Beziehung zwischen Deinem Kind und Erwachsenen.
Das kennst Du aus Familien: Die Beziehung zur Mutter ist eine andere als die zum Vater. Beide sind wichtig, weil Dein Kind in jeder etwas anderes lernt.
Spielt der Vater im Leben Deines Kindes keine Rolle, oder ist das nicht möglich, such Dir eine weitere Person. Sie sollte Dein Vertrauen haben und das Vertrauen Deines Kindes gewinnen können. Dieser Person erklärst Du, was Dein Kind braucht. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern in mehreren Schritten.
Warum ist das bei Autismus oft schwieriger?
Für ein autistisches Kind kann schon eine neue Person im vertrauten Zuhause viel verändern. Das gilt besonders, wenn Dein Kind überwiegend mit Dir zu Hause ist. Deshalb führst Du neue Personen in kleinen, vorhersehbaren Schritten ein.
Der britische Gesundheitsdienst NHS empfiehlt, Veränderungen früh anzukündigen und langsam anzugehen. Fotos und visuelle Abläufe können dabei helfen. Auch die Empfehlungen der National Autistic Society zu Übergängen, etwa beim Schulwechsel, nennen Vorhersehbarkeit, vertraute Abläufe und Fotos neuer Personen.
Wen wählst Du als neue Bezugsperson aus?
Ich empfehle diese Reihenfolge:
Personen, die Dein Kind schon kennt, zum Beispiel Onkel, Tante, Paten oder Großeltern.
Gibt es solche Personen nicht, Freunde von Euch, denen Ihr vertraut. Wenn Du Dich unwohl fühlst, überträgt sich das häufig auf Dein Kind.
Erst ganz zuletzt Unbekannte, zum Beispiel Babysitter. Lerne sie vorher ohne Dein Kind kennen.
Der erste Schritt ist, die neue Person regelmäßig zu Euch nach Hause einzuladen.
Wie führst Du eine neue Bezugsperson bei Autismus Schritt für Schritt ein?
1. Vorher konkret erzählen. Zeig ein Foto und sag in einfachen Worten, wer kommt und was passieren wird, zum Beispiel: „Am Mittwoch kommt Frau Kaya. Du kannst ihr dein Lego zeigen. Ich bleibe dabei." Wenn Dein Kind Bilder oder einen Wochenplan nutzt, trag den Besuch dort ein.
2. Das erste Treffen kurz halten, ohne Erwartungsdruck. Trefft Euch zu Hause oder an einem anderen vertrauten Ort. Die neue Person kann zunächst ruhig dabeisitzen, während Du mit Deinem Kind etwas Vertrautes machst. Sie muss Dein Kind weder umarmen noch zum Reden oder Spielen auffordern.
3. Eine gemeinsame, vertraute Tätigkeit finden. Das kann ein bestimmtes Spiel sein, ein Snack oder ein Buch, das Ihr zusammen ansehen könnt. Die neue Person orientiert sich an den Interessen Deines Kindes und lässt ihm Zeit, Kontakt aufzunehmen.
4. Die Betreuung nach und nach übergeben. Erst bist Du die ganze Zeit dabei. Später gehst Du für wenige Minuten in einen anderen Raum und kommst wie angekündigt zurück. Wenn das gut klappt, kann die Zeit langsam länger werden. Möglichst bleibt die Routine gleich: gleiche Ankunft, gleicher Ablauf, vertraute Gegenstände.
5. Der Person vorher erklären, was sie tun soll. Gib ihr konkrete Hinweise: Welche Ansprache versteht Dein Kind gut? Was hilft bei Übergängen oder Überforderung? Welche Geräusche, Berührungen oder Situationen sind schwierig? Halte auch fest, woran man erkennt, dass Dein Kind eine Pause braucht.
Steckbrief: Was die neue Person über Dein Kind wissen sollte
Die Hinweise aus Schritt 5 lassen sich gut aufschreiben. Gib sie der neuen Person vor dem ersten Treffen mit, dann muss sie nicht alles im Gespräch behalten, und Du musst in der Situation nicht erklären. Du kannst die Vorlage abschreiben oder ausdrucken.
Steckbrief für [Name oder Spitzname Deines Kindes]
So spricht man mein Kind am besten an:
Das macht mein Kind gern (Spiel, Snack, Buch):
So gelingen Übergänge, zum Beispiel vom Spielen zum Essen:
Das hilft, wenn mein Kind überfordert ist:
Diese Geräusche, Berührungen oder Situationen sind schwierig:
Daran erkennst Du, dass mein Kind eine Pause braucht:
Der Ablauf heute: Wer bleibt wann? Was passiert zuerst? Wann komme ich zurück?
Woran erkennst Du, ob der Schritt passt?
Achte weniger darauf, ob Dein Kind „freundlich" wirkt, und mehr darauf, wie es die Situation verkraftet:
Kann es seinem Spiel nachgehen?
Sucht es Nähe oder Rückzug?
Wird es danach ungewöhnlich erschöpft oder gereizt?
Steigt die Belastung deutlich, mach den nächsten Schritt kleiner oder wiederhole eine vertraute Stufe.
Was tust Du, wenn die Betreuung sofort beginnen muss?
Dann hilft ein kurzer, klarer Plan: Wer bleibt wann? Was passiert zuerst? Wann kommst Du zurück? Sag nur zu, was Du sicher einhalten kannst. Bereite einen solchen Plan für Notfälle vor, bevor sie eintreten, und besprich ihn mit Deinem Kind.
Was ich Dir mitgeben möchte
Die Reihenfolge der Personen, die fünf Schritte und die Fragen zur Beobachtung stammen aus meiner Beratung. Familien in meiner Beratung haben damit gute Erfahrungen gemacht. Allgemeingültig sind sie trotzdem nicht, denn jedes Kind ist anders. Verstehe sie als Ideen und Anregungen, die Du auf Dein Kind und Eure Familie zuschneiden kannst. Nur die Empfehlungen zu früher Ankündigung, kleinen Schritten und Fotos kommen von NHS und National Autistic Society (Quellen unten). Diese Schritte ersetzen keine Beratung, und garantieren kann ich nichts.
Dein nächster Schritt
Such Dir diese Woche eine Person aus, die Dein Kind schon kennt, und lade sie zu Euch nach Hause ein. Kündige den Besuch vorher mit einem Foto an.
Wenn Du regelmäßig Impulse für den Familienalltag mit neurodivergenten Kindern möchtest, trag Dich in meinen Newsletter ein:
