Die Medienzeit ist zu Ende und wieder eskaliert dein Kind? Und das, obwohl ihr doch vorher vereinbart habt, dass alle Spielgeräte abgegeben werden, wenn der Timer klingelt. Schon wieder ist der Nachmittag gelaufen: Hausaufgaben werden nicht mehr erledigt, Streit mit den Geschwistern gesucht und Chaos verbreitet. Am liebsten würdest du alle elektronischen Endgeräte einfach abschaffen!
Diese Situation kennen viele Eltern. Mediennutzung und -regulierung bei Kindern wird häufig von Auseinandersetzungen begleitet. Besonders dann, wenn dein Kind neurodivers ist, kann das Ende der Medienzeit zu Ausnahmezuständen zu Hause führen.
Aber warum ist das so?
Warum können Kinder mit ADHS oft stundenlang hochkonzentriert vor der Spielkonsole sitzen, während ihnen aber 10 Minuten Hausaufgaben extrem schwerfallen? Und wird das Spiel beendet, kommt es zu starken Gefühlsausbrüchen.
Dafür gibt es Erklärungen, die mit ADHS im Zusammenhang stehen, wobei allerdings nicht jedes Kind mit ADHS gleich auf Medien reagiert.
Was sagt die Wissenschaft?
ADHS kann den Umgang mit digitalen Medien erschweren, zudem können bestimmte Formen der Mediennutzung ADHS-Symptome verstärken.
Eine Ende 2022 online veröffentlichte Übersichtsarbeit mit 28 Längsschnittstudien fand Hinweise auf Zusammenhänge in beide Richtungen. Problematische Nutzungsmuster hingen stärker mit ADHS-Symptomen zusammen als die reine Nutzungszeit. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Medien ADHS verursachen.
Warum sind digitale Medien für Kinder mit ADHS besonders attraktiv?
Hier erscheinen mir drei Punkte besonders relevant:
- Digitale Medien “belohnen” sofort: das Kind bekommt beim Spielen sofort die Rückmeldung, dass es etwas gut gemacht hat oder nicht. War etwas nicht richtig, bekommt es direkt eine “neue Chance”, indem es das Level wiederholen kann. Ähnlich wie bei sportlichen Wettkämpfen muss das Kind nicht auf eine Bestätigung seiner Leistung warten, wie es das bei Hausaufgabenbesprechungen oder Klassenarbeiten/ Tests tun muss. Und dann kann man es ja einfach noch mal versuchen!
- Die vielen Reize, die digitale Medien in der Regel ausmachen, schnelle Bildwechsel, Soundeffekte, neue Aufgaben, überraschende Ereignisse halten die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrecht.
- Zudem entwickeln interessante Tätigkeiten eine hohe Motivation, die gerade bei Kindern mit ADHS eine intensive Konzentration begünstigen kann (das wird oft als Hyperfokus bezeichnet).
Das erklärt, warum dein Kind stundenlang hochkonzentriert spielen kann, aber bei eher uninteressanten Tätigkeiten wie Aufräumen, Anziehen, Hausaufgaben seine Konzentration verliert oder gar nicht erst findet.
Warum eskaliert das Aufhören?
Man könnte meinen, dass ein Kind, das gerade eine Stunde konzentriert gespielt hat, danach entspannt die Spielekonsole ausschalten kann. Häufig ist aber gerade dieser Wechsel schwierig. Das lässt sich zunächst gut nachvollziehen: das Kind ist in einem spannenden oder interessanten Spiel und soll diese nun beenden, um eine zumeist unattraktive Tätigkeit zu beginnen. Meiner Erfahrung nach ist der Familienalltag häufig zu gebaut, dass nach der Medienzeit irgendeine Aufgabe für das Kind ansteht. Das können Hausaufgaben, Aufräumen, Duschen usw. sein. Egal welche Tätigkeit wir hier nehmen, sie ist einfach nicht so interessant wie ein Computerspiel. Bei Kindern mit ADHS ist der Wechsel von einer sehr interessanten Tätigkeit, bei der sie ggfs. auch noch im Hyperfokus waren, besonders anstrengend. Ein weiterer schwieriger Punkt ist die Art und Weise, wie das Ende der Medienzeit gestaltet ist. Häufig wird vorab eine feste Nutzungsdauer vereinbart. Die S2k-Leitlinie nennt dafür je nach Alter unterschiedliche Orientierungswerte. Ein Timer oder eine Erinnerung der Eltern soll das nahende Ende ankündigen, damit sich das Kind darauf vorbereiten kann. Ist die vereinbarte Zeit abgelaufen, soll es die Konsole ausschalten oder das Gerät abgeben.
In der Realität sieht das ganz anders aus: das Ende naht, das Kind ist so fokussiert, dass es gegebenenfalls die Erinnerung gar nicht mitkriegt, oder sein Zeitgefühl suggeriert ihm, dass es noch viel Zeit hat, bis zum endgültigen Ende. So kommt die Abgabe dann doch für den Moment überraschend. Dazu kommt, dass die Medienzeit häufig sich nicht nach den Spielzyklen, also nach der Dauer eines Spielabschnitts oder Levels richtet. Manche Spielabschnitte dauern beispielsweise 20 oder 40 Minuten, sodass das Kind entweder noch nicht fertig ist oder gerade ein neues Level begonnen hat. Dann ist aufhören und ausmachen natürlich doof! Ich klappe auch nicht mitten im Kapitel mein Buch zu, sondern möchte noch wissen, wie es weiter geht. Das frustriert jedes Kind, bei einem Kind mit ADHS, das Schwierigkeiten mit seiner Frustrationstoleranz bzw. Emotionsregulation hat ist es jedoch ungleich heftiger.
Und dann wartet auch noch eine Aufgabe, auf die man selbst im allerbesten Fall keine Lust hat, oder, und das kann genauso schwierig sein, das Kind soll sich jetzt einfach mal selbst beschäftigen. Es hat doch ein Zimmer voller Spielzeug.
Nimmt man alle diese Aspekte in die Bewertung der Situation mit hinein, ist Wut beim Beenden eines Spiels für sich genommen noch kein Hinweis auf ein Suchtverhalten. Die Reaktion kann aus der Situation heraus durchaus nachvollziehbar sein.
Was hilft im Alltag?
Dieser Perspektivwechsel kann euch jetzt im Alltag helfen, die Medienzeit anders aufzuziehen. Hier haben sich meiner Erfahrung nach 4 Punkte bewährt:
Sinnvolle Endpunkte vereinbaren. Ein Spiel mitten im Level abbrechen zu müssen, sorgt für zusätzlichen Frust. Schau dir deshalb an, wann dein Kind sein Spiel sinnvoll unterbrechen kann.
Zeit sichtbar machen. Ein Timer hilft wenig, wenn dein Kind ihn im Eifer des Spiels gar nicht wahrnimmt. Überlege, wie du dein Kind rechtzeitig und zuverlässig erreichst.
Übergänge vorbereiten. Was passiert nach dem Ausschalten? Gerade bei Kindern mit ADHS kann dieser Wechsel schwierig sein. Die nächste Tätigkeit sollte deshalb von Anfang an mitgedacht werden.
Tagesablauf berücksichtigen. Wann passt Medienzeit überhaupt gut in euren Alltag? Es macht einen Unterschied, ob dein Kind danach Hausaufgaben erledigen muss oder erst einmal Zeit für Bewegung hat.
Die American Academy of Pediatrics empfiehlt außerdem, automatische Wiedergabe und Benachrichtigungen zu deaktivieren, Inhalte bewusst auszuwählen und Mediennutzung so zu gestalten, dass Schlaf, Bewegung und andere Aktivitäten genügend Platz behalten. Begleite dein Kind beim Spielen, informiere dich, was es spielt, wie lange dort eine Einheit dauert, was es fasziniert usw. Auch das kann helfen, Eskalationen zu minimieren und kann Hinweise geben, ob vielleicht nur bestimmte Spiele oder Spielformen schwierig sind.
Sind Medien für Kinder mit ADHS auch hilfreich?
Trotz aller negativen Erfahrungen, die du möglicherweise selbst mit der Medienzeit gemacht hast, können digitale Medien für Kinder mit ADHS auch positive Seiten haben. Gerade kreative Spiele, digitale Lernangebote und soziale Kontakte über Medien können sinnvoll sein.
Auch speziell entwickelte therapeutische Computerspiele werden erforscht. Eine Ende 2025 online veröffentlichte Metaanalyse fand statistisch nachweisbare, aber klinisch nicht bedeutsame Verbesserungen der Aufmerksamkeit. Natürlich ersetzen solche Angebote keine etablierte ADHS-Behandlung. Bei der Einschätzung würde ich besonders auf vier Fragen achten: Was nutzt das Kind? Wie nutzt es das Angebot? Welche Funktion erfüllt es für das Kind? Und was passiert im Alltag dadurch?
Wie findet ihr einen Medienrahmen, der bei euch funktioniert?
Vielleicht hast du beim Lesen festgestellt, dass eine weitere Timer-Regel allein nicht viel verändert. Schau deshalb genauer hin: Wann fällt deinem Kind das Aufhören besonders schwer? Was spielt es? Was passiert direkt danach? Und welche Rolle hat die Medienzeit überhaupt in eurem Alltag?
Mit diesen Fragen arbeiten wir in ScreenPeace, meinem Selbstlernkurs für Eltern von Kindern mit ADHS und anderen neurodivergenten Kindern. Du untersuchst die typischen Konfliktstellen bei euch zu Hause, entwickelst einen Medienrahmen für eure Familie und bereitest den Ausstieg aus der Medienzeit besser vor. Dazu bekommst du einen Konfliktcheck, Vorlagen für Vereinbarungen und Ideen für schwierige Übergänge. Was zu deinem Kind passt, findest du anhand eurer eigenen Alltagssituationen heraus.
Der Kursstart ist für den 1. November 2026 geplant. Wenn du dabei sein möchtest, kannst du den Kurs hier vorbestellen.
Literatur und Quellen
Thorell, L. B., Burén, J., Ström Wiman, J., Sandberg, D. & Nutley, S. B. (2024). Longitudinal associations between digital media use and ADHD symptoms in children and adolescents: A systematic literature review. European Child & Adolescent Psychiatry, 33, 2503–2526. (Online veröffentlicht 2022.)
https://doi.org/10.1007/s00787-022-02130-3
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ) (Hrsg.). (2023). Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in der Kindheit und Jugend (S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 027-075).
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/027-075
Munzer, T., Parga-Belinkie, J., Milkovich, L. M., Tomopoulos, S., Ajumobi, T., Cross, C., Gerwin, R., Madigan, S. & Council on Communications and Media (2026). Digital Ecosystems, Children, and Adolescents: Policy Statement. Pediatrics, 157(2), e2025075320.
https://doi.org/10.1542/peds.2025-075320
