Eine Mutter schrieb mir, ihr Sohn entwickle ein „Suchtverhalten“. Auslöser war die Lern-App seiner Schule.

Der Junge ist sechs und geht in die erste Klasse. Bis zum Schuleintritt ist er ohne digitale Medien aufgewachsen. Fernsehen gab es nur in altersangemessener Dauer.

Jetzt arbeitet er in der Schule mehrmals pro Woche zehn bis fünfzehn Minuten mit dem Tablet. Die Schule hat eine Lizenz für eine Lern-App erworben und stellt sie den Familien zur Verfügung. Für richtig gelöste Aufgaben bekommt er dort Münzen. Mit den Münzen schaltet er kleine Spiele frei, die mit dem Lernen nichts zu tun haben.

Auf diese Spiele ist er jetzt sehr aus. Seine Mutter beobachtet das mit Sorge und nennt es ein „Suchtverhalten“.

Was die Familie für sich entschieden hat

Die Familie hat sich bis zum sechsten Geburtstag zurückgehalten. Das liegt unter dem, was die Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt. Die S2k-Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs von 2023 nennt diese Richtwerte für die Freizeitnutzung. Herausgegeben hat sie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke.

  • Bis drei Jahre: bildschirmfrei.
  • Drei bis sechs Jahre: höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen, in Begleitung.
  • Sechs bis neun Jahre: höchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen, in Begleitung und ohne die Zeit für Hausaufgaben.
  • Neun bis zwölf Jahre: 45 bis 60 Minuten.

Eine eigene Spielkonsole empfiehlt die Leitlinie nicht vor dem neunten Geburtstag, ein eigenes Smartphone nicht vor dem zwölften.

Diese Werte gelten für die Freizeit. Hausaufgaben und schulische Nutzung rechnet die Leitlinie nicht mit. Sie rät aber, Bildschirmmedien dabei nur zweckgebunden einzusetzen und Ablenkungen zu vermeiden.

Was an der App auffällt

Die Leitlinie empfiehlt, Bildschirmmedien nicht zur Belohnung, Bestrafung oder Beruhigung einzusetzen. In der App sind die Spiele die Belohnung für das Lernen.

Zur Wirkung von Belohnungen gibt es eine Meta-Analyse von Deci, Koestner und Ryan aus dem Jahr 1999, erschienen im Psychological Bulletin. Sie fasst 128 Experimente zusammen. Erwartete, greifbare Belohnungen verringerten darin im Durchschnitt die Bereitschaft, eine Aufgabe später freiwillig weiterzumachen. Die Effekte waren klein bis mittelgroß, bei Kindern fielen sie stärker aus als bei Studierenden. Positive Rückmeldungen steigerten das Interesse dagegen im Durchschnitt.

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Analyse hat keine Lern-Apps untersucht. Was sie für ein Kind mit einer solchen App bedeutet, lässt sich daraus nicht ablesen.

Auch in der Fachdiskussion gehen die Meinungen auseinander. Der Fachverband Medienabhängigkeit warnte 2021 in der Ärzte Zeitung vor Gewöhnungseffekten. Kinder könnten darauf trainiert werden, für die Belohnung zu lernen. Der Gründer einer verbreiteten Lern-App hielt dagegen, die Spiele seien einfache Mini-Spiele mit didaktischem Wert. Abgeschlossene Studien nannte der Artikel nicht.

Das Dilemma der Eltern

Die Eltern haben bewusst entschieden, ihr Kind spät an digitale Medien heranzuführen. Das ist nachvollziehbar und deckt sich mit den Empfehlungen. Jetzt muss das Kind im Rahmen der Schule mit dem Tablet arbeiten, und die Eltern wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Meine Beobachtung aus 20 Jahren als Lehrerin und aus meinem Alltag als Mutter: Ich habe immer wieder Kinder erlebt, die lange keinen Kontakt mit digitalen Medien hatten und beim späteren Einstieg sehr stark auf die neuen Reize reagierten. Daraus kann ich zwar keine allgemeine Regel ableiten und eine Studie, die zeigt, dass ein später Medienstart den Umgang mit Medien erschwert, ist mir auch nicht bekannt.

Gut belegt ist aber etwas anderes: Kinder müssen Selbstregulation auch im Umgang mit digitalen Medien erst entwickeln. Eine große Meta-Analyse von 2025 mit 183 Studien und mehr als 234.000 Kindern und Jugendlichen zeigt dabei einen wichtigen Unterschied: Die reine Nutzungsdauer hängt nur schwach mit Selbstregulation zusammen. Deutlich stärker ist der Zusammenhang zwischen niedriger Selbstregulation und problematischer Mediennutzung.

Für mich folgt daraus: Ein Kind muss nicht möglichst früh möglichst viel Medienerfahrung sammeln. Aber wenn es digitale Medien nutzt, braucht es Gelegenheit, einen guten Umgang damit zu lernen: anfangen, aufhören, Frust aushalten, Medien nicht für jede Langeweile oder jedes unangenehme Gefühl einsetzen und andere Dinge weiterhin wichtig finden. Dabei brauchen Kinder Begleitung. Das gilt für ein Spiel auf dem Tablet genauso wie für eine Lern-App.

Ob bei diesem Jungen ein Suchtverhalten vorliegt, kann ich nicht beurteilen, diese Formulierung entspringt vermutlich auch aus der Sorge der Eltern. Die Leitlinie rät bei Hinweisen auf eine problematische Nutzung zu professioneller Hilfe. Bei einem Verdacht sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt die erste Anlaufstelle.

Die Sorge der Mutter nehme ich jedoch ernst und kann nachvollziehen, dass es frustrierend ist, dass eigene pädagogische Grundsätze nicht durchzuhalten sind, wenn das Kind nach und nach seinen Radius in der Außenwelt erweitert. Aber ich plädiere auch dafür, dass Kinder lernen müssen, mit den Bedingungen und Anforderungen von außen zurecht zu kommen. Wir können sie als Eltern nicht von allem abschirmen und ihnen auch nicht alles abnehmen. Aber wir sollten sie begleiten und dort unterstützen, wo sie tatsächlich Hilfe brauchen oder ihnen Erfahrung fehlt.

Was du ausprobieren kannst

Diese Schritte sind Ideen. Sie ersetzen keine Beratung und garantieren nichts.

  1. Setz dich neben dein Kind und schau, ob es gerade lernt oder spielt.
  2. Stell eine Sanduhr oder einen Timer neben das Tablet. Beide Hilfsmittel nennt die Leitlinie.
  3. Frag die Lehrkraft, ob es Aufgaben ohne Spielbereich gibt.
  4. Sprich mit deinem Kind über die Spiele und frag, was ihm daran gefällt.
  5. Lass Geräte aus dem Kinderzimmer und beende die Nutzung eine Stunde vor dem Schlafengehen. Das empfiehlt die Leitlinie.

Im Oktober geht es hier um Medien bei Kindern und Jugendlichen: Mediennutzung, Medienzeit, Bewegung und KI.

Wie war der Start mit Lern-Apps in eurer Schule? Schreib mir gern einen Kommentar unter den Artikel.

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